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wissenschaft-gewerkschaft.at

Vorwort

„Der Blick in die Vergangenheit hat letztlich nur dann einen Sinn, wenn er uns hilft, die Aufgaben der Gegenwart besser zu bewältigen und Kräfte für die Gestaltung der Zukunft freizumachen.“ Diesen Satz sagte ÖGB-Präsident Anton Benya 1975 beim 20jährigen Jubiläum des Abschlusses des Österreichischen
Staatsvertrages. Voraussetzung dafür ist aber, die eigene
Vergangenheit zu kennen und sie lebendig zu halten, sie immer wieder kritisch und nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu betrachten, zu aktualisieren und für die Nachfolgegenerationen zu dokumentieren.

Geschichtsschreibung ist nie das bloße Aufzählen von Jahreszahlen, Namen von Königen und Päpsten, Persönlichkeiten oder Ereignissen, sondern immer auch ein Instrument der Herrschenden: Sie hatten und haben es in der Hand, ob über etwas berichtet wird und wie. „Wenn so vieles nicht in den Geschichtsbüchern steht – wer hat Interesse daran, dass wir es nicht wissen?“ heißt es sinngemäß in der „Proletenpassion“(.1)

Für die Gewerkschaftsbewegung war und ist Geschichtsschreibung daher von enormer politischer Bedeutung – ganz im Sinne von Bertolt Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“(.2)

Was müssen sich österreichische Schulkinder an Namen, Daten und Hochzeiten der Habsburger merken – und wie viel hören sie über die Arbeits- und Lebensbedingungen der einfachen Leute zu dieser Zeit?

Die Sicht der „Beherrschten“ steht daher im Zentrum gewerkschaftlicher Geschichtsschreibung. Aber nicht nur das: Unsere Geschichte ist kein abgeschlossenes Projekt, das – einmal aufgeschrieben – für alle Zeiten in Stein gemeißelt ist. Neue Fakten, neue Erkenntnisse tauchen auf, und auch neue Sichtweisen auf Ereignisse machen Geschichte zu etwas Lebendigem.

Im vorliegenden Sammelband werfen wir einen neuen Blick auf unsere eigene Geschichte. Es werden Themen aus neuen Blickwinkeln betrachtet, von der gewerkschaftlichen Lohnpolitik über die Sozialpartnerschaft in Österreich, die Rolle der Gewerkschaft in der Frage der Berufsbildung bis zu europäischen und internationalen Themen.

Wir haben nicht nur ein kritisches Auge auf die Geschichtsschreibung
der Herrschenden, sondern hinterfragen auch immer wieder unsere eigenen Entscheidungen und Handlungen – also unsere Geschichte.
Woher wir kommen – und uns dessen bewusst zu sein, ist unabdingbare Voraussetzung dafür, wohin wir gehen. In diesem Sinn sind auch die Beiträge in diesem Band zu verstehen. Ganz bewusst haben wir uns für den Blick von Außen entschieden, um mit neuen Erkenntnissen aus der Vergangenheit einen guten Weg in die Zukunft zu gehen.


Erich Foglar
Präsident des ÖGB

Wien, Juni 2013

 

(.1) „Proletenpassion“: politisches Oratorium, Heinz. R. Unger u.a., uraufgeführt von der Band „Die Schmetterlinge“ 1976 in Wien.
(.2) Bertolt Brecht, „Fragen eines lesenden Arbeiters“, 1935; veröffentlicht 1936 in Moskau in der Zeitschrift „Das Wort“.

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